LWL-Maßregelvollzugsdezernent Tilmann Hollweg (l.) mit den Organisatoren der Forensik-Inhalte Ute Franz, Ärztliche Direktorin der LWL-Klinik für Forensische Psychiatrie Dortmund (1. Reihe: 2.v.l.), und Dr. Patrick Debbelt, Stellv. Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Hemer (1. Reihe: 3.v.l.) und den Referentinnen und Referenten des Forensik-Tages der Dortmund-Hemeraner Fachtagung

Fachtagung zeigt Entwicklung seit Psychiatrie-Enquête vor 40 Jahren

Maßregelvollzug zwischen objektiven Erfolgen und negativer Wahrnehmung

„Objektiv betrachtet hat der Maßregelvollzug in den vergangenen zwanzig Jahren eine Erfolgsgeschichte hingelegt“, sagt Prof. Norbert Leygraf, Direktor des  Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen am LVR-Klinikum Essen anlässlich der Dortmund-Hemeraner Fachtagung Mitte Juni (11.6.) im Rückblick auf  „40 Jahre Psychiatrie-Enquête“. Sei es der Ausbau des Nachsorgesystems, niedrige Rückfallraten, die kaum messbare Anzahl von Zwischenfällen bei Ausgängen, die rasante Professionalisierung von den Verwahranstalten der 70er Jahre zu therapieorientierten Kliniken mit hohen Behandlungs- und Sicherheitsstandards – interessanterweise spiele dies alles in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle, stellt Leygraf in der Hemeraner Psychiatrieklinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) nüchtern fest.

Der zweite Tag der Fachtagung widmete sich im Sinne der Dortmunder Wilfried-Rasch-Klinik, die die Tagung als forensische LWL-Klinik mit ausrichtet, den Auswirkungen der Psychiatrie-Enquête auf den Maßregelvollzug. Vor rund 130 Teilnehmern erinnerte LWL-Maßregelvollzugsdezernent Tilmann Hollweg daran, dass sich die Sachverständigen-Kommission 1975 nur auf einigen wenigen Seiten mit dem Maßregelvollzug befasste. Hier prägte sie die Formulierung „Schlusslichtposition“ für die forensische Psychiatrie. „Das war drastisch, aber damals zutreffend, und es hat in dieser Schärfe im Maßregelvollzug viel Veränderungsenergie erzeugt“, so Hollweg weiter.

Dennoch habe es noch fast zehn Jahre gedauert, bis erste Reformen in der forensischen Praxis ankamen. Nach einer anfänglichen Euphorie hätten schwere Zwischenfälle in den 90er Jahren den Therapiebestrebungen die Grenzen aufgezeigt und Sicherheitsbelange wieder stärker in den Vordergrund gerückt. Weitere Vorträge zeigten auf, was sich seitdem in der wissenschaftlichen Forschung, beim medizinisch-therapeutischen Wissen, bei der pflegerischen Berufsausübung, bei der Gesetzgebung und Rechtsprechung und bei der gutachterlichen Qualität getan hat, so dass der Maßregelvollzug heute in fachlicher Hinsicht sogar teilweise eine Vorreiterrolle für sich beanspruchen könnte, wie es im Einladungstext heißt.

Dennoch sieht auch der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, Axel Bötticher, in seinem Vortrag den Maßregelvollzug in der Öffentlichkeit vorwiegend negativ besetzt: Die öffentliche Wahrnehmung pendele zwischen den „Wegsperren für immer!“-Rufen bei schweren Straftätern und den Urängsten, als verrückt abgestempelt und für immer weggeschlossen zu werden, die durch den Fall Mollath ins öffentliche Bewusstsein gespült wurden.  Bereitwillig seien weite Teile der Öffentlichkeit dabei einer großen deutschen Tageszeitung bei ihrer Darstellung der vermeintlichen „Dunkelkammer des Rechts“ gefolgt. „Gerne zeigen alle anklagend auf den Maßregelvollzug, auch Anwälte und Richter, die ja ebenso Verantwortung tragen“, resümiert Bötticher und warnt, dass die Öffentlichkeit kaum zwischen Justiz, Maßregelvollzug und Allgemeinpsychiatrie unterscheide,  daher könne sich keiner wegducken. Sein Appell: „Wir müssen neue Bündnisse schließen, wir müssen mehr miteinander und nicht übereinander reden und wir müssen die Öffentlichkeit besser informieren.“